iPad-Konkurrenten kommen nur langsam in die Gänge – oder steigen ganz ab wie das WeTab

Mit der Computex steht die nächste große IT-Messe steht unmittelbar vor der Tür. Dort sind einige Gegen- und Alternativ-Entwürfe zum iPad zu erwarten. Eine kleine Bestandsaufnahme.

Leicht, lüfterlos, schick, starker Bildschirm, lange Akkulaufzeit, schnelles System, vollintegriert, interessierte Blicke – beim iPad weiß man, was man bekommt. Es bietet neben vielen Vorteilen einige Nachteile wie fehlende Multimediaschnittstellen, Webcams und, für den professionellen Einsatz wichtig, ausgefeilte Administrationswerkzeuge oder Zubehör wie Barcodescanner. Zudem sind Ausgaben von mindestens 500 Euro plus gut 100 Euro für sinnvolles Zubehör auch nicht jedermanns Sache.

Dennoch, nach 60 Tagen hat Apple mitten in schweren Staatskrisen über 2 Millionen Geräte verkauft, Stückzahlen, bei denen die seriösen Hersteller unter den Konkurrenten hellwach werden, so dass sie den Schritt von Labor-Entwicklungen zum Verkauf wagen wollen – doch erst mal müssen die Geräte fertig werden. Und das dauert noch einige Monate. Weil die wenig mutigen Konkurrenten nicht nur die Vorstellung von Apples Tablet PC, sondern auch die ersten Verkaufswochen abwarten wollten. Und weil Hardware und Software noch nicht so weit sind.

So hat Intel seine Moorestown-Plattform erst Anfang Mai vorgestellt, serienreife Geräte auf Android-Basis sollen erst im Herbst kommen, berichtet Heise. Nvidia hingegen hat seine Tegra 2- Plattform gerade offiziell verschoben, im Herbst soll es lediglich „weitere Informationen“ geben, aber nicht unbedingt fertige Geräte, berichtet Golem.

Doch immerhin werden in dieser Woche auf der 30. Computex in Taiwan die ersten Vorserienmodelle und Laborentwicklungen vorgestellt. Diese basieren in der Regel auf Googles Betriebssystem Android oder auf der neuen Compact-Embedded-Version von Windows 7. Beispielsweise hat Asus zwei Modelle vorgestellt, die für mehr als zum Lesen von Dokumenten geeignet sind. Das Eee Pad EP101TC kommt als Slate mit einem 10-Zoll-Bildschirm und einem Gewicht von unter 700 Gramm von den Äußerlichkeiten her am ehesten an das iPad heran. Von MSI ist das 10-Zoll-Wind Pad zu erwarten, das mit Windows 7 wie auch Android ausgeliefert werden soll. ZDNet.de nennt interessante 800 Gramm Gewicht und erträgliche acht Stunden Akku-Laufzeit – in einem Vollplastikgehäuse, was windmachende Lüfter notwendig machen oder für ein warmes Gerät sorgen dürfte.

Nicht ernst zu nehmen ist hingegen das, was VIA als Tablet auf Basis des veralteten Android 1.6 vorgestellt hat.  Im Laufe der Woche dürfte Neues von Acer und Gigabyte zu hören sein. Unklar ist noch, was Lenovo zeigen wird, das im Januar auf der CES mit dem IdeaPad U1 ein spannendes Gerät zeigte.

Windows 7 auf dem Finger-Tablet – kein großer Spaß

Die normale Desktop-Version mit Windows 7 ist vor wenigen Wochen von HP ausgemustert worden, da es offenbar keine lüfterlosen Designs ermöglicht, zu viel überflüssigen Ballast mitschleppt, nicht für die Fingerbedienung optimiert ist und für kostengünstige Geräte schlicht zu teuer ist. So hat HP seinen noch im Januar auf der CES stolz von Microsoft-Chef Steve Ballmer präsentierten Slate eingestampft und wird ihn in der zweiten Jahreshälfte mit Hilfe der durch die Übernahme von Palm eingekauften Technologie möglichst schnell ersetzen.

Die Palm-Übernahmeschlacht zeigt, dass nicht nur HP die Kombination von eigener Hard- und Software-Entwicklung, wie Apple sie vorgemacht hat, als erfolgversprechend und kopierenswert ansieht. Laut Engadget haben neben HP vier Firmen versucht, Palm zu kaufen. Sofern es Hardware-Firmen waren, die nach passender Software suchten, könnten sie bei den Münchner 4tiitoo-Leuten anklopfen, die ihr Projekt eines fingerfreundlichen Linux-Aufsatz gerade durch die Kooperation mit der Berliner Neofonie, zunächst WePad genannt, an die Wand gefahren haben – meinen wir:

Absteiger WeTab

Keine Chancen räumen wir dem voreilig hochgejubelten, schnell kritisch beäugten und gerade sehr tief fallenden WePad aus Deutschland ein, inzwischen in WeTab umbenannt. Die Macher haben viel zu früh viel zu hohe Erwartungen geweckt. Sie haben zu wenig Erfahrung in der Hardware-Produktion, haben keine fertige Hardware- und Software-Kombination und sich durch, freundlich gesagt, zahlreiche widersprüchliche Aussagen um jede Glaubwürdigkeit gebracht. Dass sie auf ihrer Facebook-Seite haufenweise Hohn, Spott und harsche Ablehnung ihrer einst hoffnungsvollen und stolzen Fans ernten, müssen sie sich selbst zuschreiben.

Die Erfindung als Anti-iPad war jedenfalls vom Namen (We statt i) über die Dokumentation (in den Produktspezifikation haben sie allen Ernstes eine direkte Gegenüberstellung von dem eigenen Gerät und dem iPad aufgeführt) bis zur Launch-Pressekonferenz, in der sich die Macher von Anfang bis Ende als Gegensatz zum Apple-Produkt präsentierten. Messeauftritt auf der Computex zur Vorbereitung des internationalen Launches? Zubehör? Verlagspartner? Liefertermin? Testgeräte? Serienmodelle? Alles Fehlanzeige.

Wir könnten uns zur Häme hinreißen lassen („Der Cargo-Lifter der IT-Industrie“ mutmaßte früh und pointiert Axel Postinett im Handelsblatt), wäre es nicht so traurig, dass wieder einmal ein deutsches Projekt so jämmerlich scheitert. Der Kern des Niedergangs liegt unseres Erachtens in der Partnerschaft der Münchner Software-Leute mit dem Berliner Vielversprecher Helmut Hoffer von Ankershoffen, der zwar aus alten Zeiten über Seilschaften bei Gruner&Jahr verfügt, aber für die Verschmelzung einer guten Software-Idee mit einem Gerät, das einen Weltmarktführer in die Defensive zwingen kann, dafür reicht es nicht. Kurz gesagt: Aus dem WePad wird das NeverPad.

Tablet-Spezialisten bleiben in der Nische

Zu den länger im Markt etablierten Tablet-Herstellern gehören einige Perlen. Doch Firmen wie Motion Computing und Paceblade, die lange vor Apple hervorragende Slates hergestellt haben, wollen sich nicht auf den Wohnzimmer-Markt stürzen, sie wollten das schon vor Apples Tablet-Launch nicht. Sie bleiben mit ihren teils für Spezialeinsätze gestalteten Geräten in der hochpreisigen Nische für Außendienst-Mitarbeiter und Mediziner.

Apple hat Zeit

Zusammengefasst hat Apple über ein halbes Jahr Zeit, sich nach der Etablierung in Hosentasche und Hemdjacke nun einen guten Platz auf dem Wohnzimmertisch, in Arzt- und Anwaltspraxen zu sichern. Zeit, die Apple nutzen wird – unter anderem, um mit Hilfe der Erfahrungen mit den ersten iPads in aller Ruhe die zweite Generation zu entwickeln. Und wenn Steve Jobs anlässlich der letzten Quartalszahlen verkündet, man habe noch „einige außergewöhnliche Produkte für dieses Jahr geplant“, dann sollte man das ernst nehmen und mit mehr als einem neuen iPhone rechnen.

Das iCar wird sicher noch auf sich warten lassen, und so lange die Film- und Fernsehindustrie die Heim-Vernetzung noch mit DRM möglichst weitgehend behindern will, wird ein Apple-Heim-Audio- plus-Video-Netzwerk („iHome“?) noch in der Ferne bleiben. Doch wieso nicht mit einem Musiknetzwerk beginnen? Das iPad wäre mit dem iPhone zusammen die ideale Steuerzentrale. Die Apple-Konkurrenten müssen sich echt anstrengen. Gut für uns alle.

Ein Gedanke zu „iPad-Konkurrenten kommen nur langsam in die Gänge – oder steigen ganz ab wie das WeTab

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